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  • AutorenbildRomana

Komfortzone, Gesicht wahren, anpacken

Ich hatte mich vorletzte Woche mit meinem ehemaligen Chef zum Mittagessen getroffen und wir sprachen über Gott und die Welt. Dabei kam auch der Klimaschutz und was wir dafür tun können zur Sprache. Er meinte, uns in Europa und besonders den Bewohnern der Schweiz täte es gut, ab und zu die eigene Komfortzone zu verlassen. Wir hätten absolut keine Ahnung, wie gut es uns gehe und dass wir noch nicht einmal im Ansatz angefangen hätten, zum Beispiel zum Wohl unseres Planeten auf gewisse Annehmlichkeiten oder «Dinge» zu verzichten.


Gemäss ökologischem Fussabdruck benötigt die Schweiz immer noch 5 Erden, wenn wir so weiterleben. Im Vergleich zu Afrika (mein Chef war für mehrere Wochen auf einem Mercy Ship in Kongo stationiert), wo die Bewohner aufgrund ihrer Armut «nur» 1 ½ Erden benötigen, obwohl überall gut sichtbar Abfälle herumliegen und die Infrastruktur des Landes, im Leben nicht vergleichbar ist mit der in Europa. Wir haben diskutiert und es war für mich, ehrlich gesagt, zu diesem Zeitpunkt nicht ganz begreiflich, was er wirklich meinte. Ich fand, wir würden doch schon so viel Gutes tun und jeder probiere nach seinen Möglichkeiten zu einer Verbesserung der allgemeinen Umweltsituation beizutragen.

Am folgenden Morgen bekam ich ein Anruf von einem unserer Kunden. Er teilte mir die Hiobsbotschaft mit, dass unsere Ware aus dem EU Raum mit falscher Etikette angeliefert wurde und fragte, wie es dazu kommen konnte. Bam!, das war der Moment, wo ich blitzartig aus meiner Komfortzone katapultiert wurde. Es begann die Fehlersuche, Rücksprachen wurden gehalten etc. und es stellte sich heraus, dass der Fehler aus meiner eigenen Hand, als Folge einer kleinen Unachtsamkeit, kam. Bam!, der zweite Hammer... wer ist schon gerne schuld an sowas?

Schnell lagen zwei Handlungsoptionen auf dem Tisch. Einerseits war da die aufwändige Variante, welche bedeutete, dass die gesamte Ware in nur drei Tagen neu ausgezeichnet würde und entsprechend von Hand umetikettiert werden müsste. Wir sprechen hier von einer Menge von 50'000 Stück. Variante zwei hätte bedeutet, dass wir die Preisdifferenz als Firma von mehreren 10'000 CHF hätten übernehmen und den Kunden für den Minderumsatz entschädigen müssen. Schnell war klar, dass wir uns diese Variante, bei den allgemein sehr tiefen Margen, nicht leisten konnten.


Entsprechend hat der Produzent alle Hebel in Bewegung gesetzt, um innerhalb von 3 Stunden 51’000 Stück Etiketten zu produzieren und via EU-internem Kurierdienst nach Österreich zu unserem Partner zu senden. Wohlgemerkt, normalerweise benötigt der Produzent im Minimum drei Wochen Vorlauf, um Etiketten zu bestellen bzw. zu drucken und im Normalfall benötigt eine Kurie

rsendung zwei Tage. Nun mussten genügend Freiwillige gefunden werden, die bereit waren mitten in der Nacht um halb zwei loszufahren um nach ein oder zwei Stunden Autofahrt bei nur drei Grad in einer Kühlhalle das Unmögliche möglich zu machen... das dritte Mal ausserhalb der Komfortzone - oder war ich schon gar nicht mehr drin?


Und diese ganze Aktion innert drei Tagen. Während jeweils zwölf bis dreizehn Stunden Arbeit am Stück, bei drei Grad, hiess es total 35 Paletten à 80 Kartons (18 Stk

pro Karton) auszupacken, die alten Etiketten zu entfernen, eine Neue draufzukleb

en, wieder einzupacken und den Karton wieder zu verschliessen.

Das Ergebnis war einfach unglaublich und liess mich demütig werden. Es kamen exakt so viele Leute, wie nötig waren, um es gerade so zu schaffen. Und nicht nur das. Zusätzlich erhielt ich nach meinem Aufruf im Whatsapp Status so viele liebe Wünsche und Mitgefühl Bekundungen, dass nur schon das an uns denken, uns getragen hat und uns immer wieder neue Hoffnung gab.



Der Einsatz selbst war körperlich anstrengend, schmerzhaft und gleichzeitig erstaunlich. Zwölf Stunden ohne Pause durchzuarbeiten hätte ich niemals gedacht, dass dies möglich ist. Am zweiten und dritten Tag waren wir besser vorbereitet, besser angezogen. Erstaunlicherweise gewöhnt sich auch der Körper schnell an die Arbeit. Es wurden immer wieder kurze Pausen gemacht, um dem Körper und dem Kopf die nötige Erholung zu bieten.

Es kam bei mir grosse Dankbarkeit auf, denn es war einfach eindrücklich zu sehen, was die Menschen in den Logistikzentren in der Schweiz jeden Tag leisten, um zu gewährleisten, dass wir bequem im Laden um die Ecke einkaufen können und alles jederzeit zur Verfügung steht.

Es hat mir vor Augen geführt, wie wichtig Partnerschaft und Freundschaft sind und wie dankbar wir dafür sein sollten. Dem Prozess selbst habe ich mich irgendwann vollends hingegeben, da gab es keinerlei Widerstand meinerseits mehr. Ich wusste, dass wir da jetzt einfach durchmussten und dass es eigentlich unmöglich war, es rechtzeitig zu schaffen. Ab dem Moment des Aufgebens des inneren Widerstandes und des «a


lles kontrollieren wollens» um das Bild gegen aussen zu wahren, erhielten die innere Kraft und das Kollektiv Raum und mit vereinten Kräften schafften wir das Unglaubliche.


Das Verlassen meiner Komfortzone hat mich gelehrt, dass es wichtig ist diese hin und wieder zu verlassen, um einen anderen Blickwinkel auf unser Leben und unser Tun zu erhalten, um wieder empfänglicher zu werden für die Bedürfnisse der anderen und die Wertschätzung für das gemeinsame Tun.















Jetzt verstehe ich auch, was mein ehemaliger Chef gemeint hat. Wir haben wohl die meisten so keine Ahnung, wie gut wir es haben. Es wurde für uns zu einer Selbstverständlichkeit. Und erst das Betrachten aus einem anderen Blickwinkel und das Erleben am eigenen Körper hat mir erlaubt, meine Sichtweise zu erweitern und neu zu verstehen.


Vor lauter Bäume sehen wir den Wald nicht mehr und ich dachte, ich mache bereits viel für unsere Umwelt und verzichte...... wohl nicht ansatzweise.... das lässt mich nachdenklich und sprachlos zurück..




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